Michaela Abresch, 1965 einem kleinen Nest am Rande des Westerwaldes geboren und aufgewachsen. Erste schriftstellerische Gehversuche im Grundschulalter, handschriftlich auf losen Blättern, später per mäßig funktionierender Schreibmaschine. Zwölf Jahre Schulbesuch, drei davon in einem katholischen Mädcheninternat. Seit 1985 staatl. examinierte Krankenschwester. Verheiratet, zwei Söhne. Schreibmaschine inzwischen durch Maus und Tastatur ersetzt, was das Schreiben (Prosa und Lyrik) erheblich vereinfacht.

E-Mail: mi_abresch@yahoo.de

Homepage: www.michaela-abresch.de


Neu! Erschienen im März 2012:
"Das Mirakelbuch - Historische Erzählungen aus dem Westerwald",
ACABUS-Verlag, Hamburg

  .

Termine für Lesungen auf meiner Homepage: http://www.michaela-abresch.de/termine-lesungen/

Das Buch können Sie über den Buchhandel beziehen oder bei Amazon direkt bestellen

 


Cabo da Roca (Leseprobe)

Sterbenslangweilig war mein Leben im Castello, als behütete Tochter des Conde. Aber nun ist etwas geschehen, was vielleicht alles verändern wird!

Vor ein paar Tagen begleitete ich Mutter und ihre Zofen zu einem Picknick an den Tejo. Nach dem Essen ruhte sie, wie üblich. Clara und Inez blieben in ihrer Nähe, ich aber ging hinunter zum Fluss und tauchte meine Füße hinein. Ich bemerkte einen Gegenstand, der im Wasser trieb und als ich genauer hinsah, erkannte ich eine verkorkte Flasche, überzogen von Algen und glitschigem Moos. Dass ich bis zu den Waden in den Tejo musste, mein Kleid sich dabei mit schmutzigem Wasser voll sog und ich auf dem schlammigen Untergrund beinah den Halt verlor, schickte sich nicht, aber das war mir einerlei.

Clara, die Ängstliche, meinte, ich müsse die Flasche meinem Vater abgeben, es sei verboten, eigenmächtig eine gefundene Flaschenpost zu öffnen. Sie sprach von wissenschaftlichen Erforschungen der Meeresströmungen, doch ich lachte nur. Hatte sie noch nie davon gehört, dass eine solche Flasche Botschaften enthalten konnte, die nur für den Finder bestimmt waren?

Mein Herz überschlug sich fast, als ich am Abend, allein in meiner Kammer, endlich die Papierrolle aus dem Flaschenhals zog und entrollte.

Eine Tuschezeichnung, nur wenig verblichen. Ein Leuchtturm auf einer Klippe, zwei einzelne Bäume, steil abfallend die Küste und im Hintergrund das vom Sturm aufgewühlte Meer. Unten rechts die Initialen des Malers in einer angedeuteten Windrose, daneben in geschwungenen Lettern: Cabo da Roca. Aber was mich am meisten beunruhigte, waren die Worte Torre de infinidade – Turm der Unendlichkeit…

Nichts hielt mich. José war der einzige, dem ich mich anvertraute und er war es auch, der in der Frühe des nächsten Tages im Dickicht vor dem Castello auf mich wartete. Er übergab mir eine Wegkarte und meinen gesattelten Rappen.

Um die Mittagszeit erreichte ich Cabo da Roca.

Die hölzerne Tür des alten Leuchtturms jammerte beim Öffnen und als ich eintrat, begannen meine Knie zu zittern. Es roch nach feuchtem Holz, nach Moder und Salzluft. Noch heute frage ich mich, was mich dazu befähigte, die vielen, sich wie eine Schneckenmuschel nach oben windenden Stufen empor zu klimmen. Die Mischung aus Angst und Neugier? Ich hätte nicht einmal sagen können, was ich erwartete, spürte nur die stille Ahnung, hier etwas zu finden, wonach ich immer schon gesucht hatte. Mein Herz schlug wild. Die Stiege schien kein Ende zu nehmen und jeder Schritt brachte das alte Holz zum Sprechen.

Den Gedanken, auf etwas Düsteres stoßen zu können, auf das Skelett eines Ermordeten, ein Lager mit Diebesgut oder auf ein Seeräubernest, verdrängte ich.


Veröffentlichungen

Kurzgeschichte "Winter-Weihnachtsstimmung" in der Rowohlt- Anthologie "Weihnachtsgeschichten am Kamin"
Kurzgeschichte "Ein Freund aus Stein" in der Rowohlt-Anthologie "Engelsgeschichten am Kamin"
Lyrik: "Empörung" in der Literaturzeitschrift "Dichtungsring"
Kurzgeschichte "Wohin?", Weihnachtsanthologie, Elbverlag
Kurzgeschichte "Palmen verlieren im Herbst keine Blätter", Elbverlag